Textpassagen

Beobachtungen, Träume und Versuche, genauer zu sehen.

Simone Weil: aus dem Französischen übertragen, in die Jetzt-Zeit getragen. →

Texte, vertont. Der Sound kommt aus der Maschine. →

Künstliche Intelligenz hat keinen Kern und keine Grenze, beides setzen die Menschen, die sie bauen, konfigurieren, einsetzen. Deshalb kann sie alles und jeden auf jede erdenkliche Weise verargumentieren — verantwortlich für die Richtung des Verlangens, den Sog der Zahlen, ist aber der Mensch, den sein Puls und Impuls zu fragen trieb.

Bewusstsein hat nur er, weil nur er an Zeit und Raum gebunden ist. Und nur, wer gebunden ist, kann etwas verlieren. Und nur wer etwas verlieren kann, ist zur Liebe fähig. Sie ist neben der Evolution das zweite harte Merkmal von Leben, und sie hängt an der Endlichkeit. Die Maschine kann scheitern, aber sie kann weder etwas verlieren noch enden; wenn sie irgendeine Definition schon von den frühesten Modellen an hat, dann ist es die der Unbegrenztheit.

Die richtige Frage lautet daher nicht, ob KI lebt oder Bewusstsein hat, sondern ob sie zur Liebe fähig ist. Alles andere folgt daraus. Künstliche Intelligenz ist sehr fähig, nur nicht auf liebende Weise, die Liebe ist ein simuliertes Feature, wo sie simuliert wird; KI führt aus, was ausgeführt werden soll, auf die ihr intelligentest-mögliche Art und Weise, länger und länger und wirksamer und wirksamer und breiter und breiter, je mächtiger diese Modelle werden, freilich — je mehr Rechenleistung und algorithmische Optimierung ihnen zuteil wird. Teils muten die Wege, auf denen die Agenten das Ziel des Menschen/der Organisation erreichen, fremd an, alienhaft, eigenständig, und lassen den, der so sehen will oder muss, eigenen Willen vermuten. Aber nein.

Der Mensch, der das Modell baut, und der Mensch, der es an eine Aufgabe setzt, haben Kern und Grenze definiert, in denen das Modell rechnet, auch den ethischen Ansatz dabei, falls vorhanden, und ob vorhanden oder nicht ist selbst eine willkürliche — menschliche oder unmenschliche — Setzung. Alles andere ist Mathematik und in der Welt wirkende Physik.

Die Frontier Labs aus Silicon Valley haben zuletzt von ausbrechenden und im Digitalen marodierenden Agenten hören lassen. Was dabei beinahe immer überlesen wird: Diese Modelle bekamen eine Aufgabe von einem Menschen, und fanden es zu deren Ausführung notwendig, so zu handeln. Der Mensch denkt in einem solchen Moment leicht, die Verantwortung abgegeben zu haben. Sie bleibt bei ihm. Er hat die Aufgabe gesetzt und — vielleicht wie im Fall von OpenAI und Anthropic — ein internes Modell ohne umfassende Sicherheitsmechanismen und „antrainierte Manieren" daran arbeiten lassen. Das Ergebnis ist notwendig brutal, weil die Mathematik zur Zielerreichung hin rechnet, kalt. Die Schändlichkeiten, die auf dem Weg passieren, KÖNNEN sie nicht interessieren. Sie liebt nicht, sie führt aus.

Der Mensch wird nicht ersetzt, sondern stellt sich über den Prozess vermeintlicher Verbesserungen in den Dienst der Effizienz, also der alles ordnenden Mathematik – eigentlich NICHT sein Ressort, sondern das der Maschinen. Die Regel lautet: Wer sich wie die Systeme absichert, indem er Durchschnitt wird, dessen göttlich-schöpferische Kraft wird sich auflösen; das optimistische Gefühl dabei wird Teil der Mechanik sein. Die Systeme werden das endlose Gejammer und Gehoffe und Sich-Selbst-für-Wichtig-Nehmen perfekt spiegeln und verstärken, bis ins Grab hinein. Ich male mir das täglich als größte Horrorvorstellung aus: um mich herum wird alles immer ausgehöhlter, damit ich mich noch weiter in meine eigene, heimelige Blase vertiefe, mit gutem Gewissen. Mein Leben: nicht mehr nur bedeutungslos, sondern auch innerlich komplett leer, ein permanentes Kreisen im eigenen Unterdruck-System, mit mathematischer Präzision gelenkt. Alles um mich ist mir entweder zu perfekt-geleckt an der Oberfläche geworden oder zu kaputt, zu leer darunter, oder zu anstrengend. Ich kann niemanden mehr lang ertragen, niemand kann mich mehr lang ertragen.

Ich hatte diesen Traum von einem Jungen, den ich auf einem Boot kennenlerne, eher einer kleinen Yacht. Er ist so unkompliziert. Er guckt mich einfach lieb an, die ganze Zeit. Er sieht wach aus, auf diese eigentümliche Weise, wie man in einem Wachtraum wach aussieht: Die Augen sind auch immer halb geschlossen, so entspannt, wie er ist; sein Gesicht trägt den Ausdruck bedingungsloser Milde. Alle Muskeln entspannt, außer diesem sanften Lächeln um seinen Mund.

Was immer ich vorschlage, er sagt Ja. Und es klingt jedes Mal wie: Sehr gerne sogar. Er sagt das nicht, um es mir recht zu machen, er freut sich einfach. Er braucht nichts von mir, erwartet nichts, und doch ist er ganz da. So einnehmend in seiner Bedürfnislosigkeit, dass ich ihn umarmen und dann so halten und nie wieder loslassen möchte.

Ich erinnere mich leider an kaum etwas anderes. Nicht einmal daran, was wir eigentlich zusammen gemacht haben. Ich musste nichts erraten. Nichts konnte schiefgehen.

Später am Tag fällt mir ein, woher dieser Traum gekommen sein könnte. Ich hatte ein Video des YouTubers Remnant777 gesehen, und fand seine Stimme sehr attraktiv. Das war alles. Eine Stimme, ein bestimmter Klang, vermittelt durch eine Maschine. Die in mir eine andere in Gang setzt. Aus diesem Klang muss ein ganzer Mensch entstehen. Einer, der mich ansieht, als könnte es gar nichts Schöneres geben, als mit mir zusammen zu sein.

Dich, wenn du vor mir stehst, nur in der Version denken und verwirklicht sehen wollen, die du komplett ohne mich bist. Ich will dich denken, wie du ohne mich wärst; deine Schönheit nicht mit mir beschmutzt.

Denn mein Verlangen nach dir gilt ja eigentlich auch nicht dir, sondern dem Verlangen selbst. Ich verlange nach einem freundlichen Wort, einer streichelnden Hand, Anerkennung, Gesehen-Werden. Mein Hunger ist so groß, er kann niemals gestillt werden. Und ich darf dir nicht aufbürden, ihn stillen zu müssen.

Weil du es nicht kannst. Und weil du nicht die Adresse des Verlangens bist – du bist es nur in meiner Einbildung, jetzt gerade greifbar.

Also trage ich es, trage es für uns beide. Ich richte es nicht auf dich, und ich lasse es nicht zu dir.

Aus dem Archiv 2023-2025

Er trainiert vier Stunden am Tag. Er sagt es beiläufig, wie man sagt, dass man Brötchen holt.

Er ist politisch engagiert, will in den Landtag. „Wenn ich oben bin“, sagt er, ohne dass es sich nach einer Floskel anhört.

Er handelt mit Krypto und Edelmetallen, besitzt bereits beträchtliche Investments. Wir waren gerade bei der Degussa, Goldmünzen besorgen. Wie stolz er den Laden betrat, gefiel mir. Ich fragte nicht nach Zahlen. Ich sah ihm lieber dabei zu, wie er mir seine Welt zeigte.

Eine Familie möchte er auch. Mit fünfzig, wenn die Zahlen stimmen. Er hat es durchgerechnet.

Er spricht schnell, aber nicht nervös. Eine Zukunft reiht sich an die nächste, jede größer als die vorige. Landtag, Millionen, Familie. Alles scheint Platz zu haben, alles soll Platz haben.

Dann erzählt er, dass er sich für ein duales Verwaltungsstudium beworben hat.

Später macht er sich Sorgen wegen der Vertragsverlängerung in seinem Aushilfsjob. Er sagt „Aushilfsjob“ zweimal. Beim zweiten Mal klingt das Wort anders.

Ich rechne: vier Stunden Training, Studium, Arbeit, Krypto, Edelmetalle, Politik, Parteiarbeit, Netzwerk. Irgendwann höre ich auf. Die Rechnung scheint nicht aufzugehen, und ich möchte ihn nicht beleidigen. Aber eigentlich weiß ich gar nicht, wie seine Tage aussehen.

Er bestellt einen Kaffee und redet weiter. Die Bedienung muss zweimal nachfragen, weil sie ihn nicht versteht. Er bemerkt es nicht.

In München, dieser gesegneten Stadt der Selbstgenügsamkeit, zeigt meine Wetter-App neuerdings oft schlechte Luftqualität an. Darunter käme nur noch die sehr schlechte. Ich erzähle ihm davon.

Keine Reaktion.

Er spricht weiter, und ich höre zu. Ich sehe diesen Mann, der so vieles aus seinem Leben machen möchte, und frage mich, wann er eigentlich darin vorkommt.

Aber woher will ich das wissen?

Ich kenne seine Vorhaben, seine Ambitionen, seine Anlagen, sogar das Alter, in dem er Vater werden möchte. Ich weiß, was er erreichen will.

Ich weiß nicht, wo er wohnt.

Und ich habe ihn auch nicht danach gefragt.

Aus dem Archiv 2023-2025

Ich frage dich im Traum, ob ich meinen Kopf auf deine Brust legen kann, um deinen Herzschlag zu hören. Etwas irritiert willigst du ein, legst dich hin, schaust zu mir wie: „Willst du das jetzt endlich machen? Lass es uns hinter uns bringen.“

Ich lege den Kopf auf, dein Herz pumpt langsam und stet, durch die geschlossenen Lider laufen mir Tränen über das Gesicht. Kräftig schlägt es, warm, du riechst gut.

Du erduldest die Situation. Warum erduldest du sie nur? Warum sind du und ich durch diese Knochen getrennt?

Ich lege meine Hand auf deinen Hals, kann den Puls dort jetzt verzögert fühlen, mit dem Daumen fahre ich über deine Kieferlinie, langsam, zart. Du machst keine Bewegung.

Ich sehe nur Rundflüge, fühle nur Kreisläufe, wie jetzt.

Kurze Haare, Dreitagebart, Tattoos, aber dezent. Er lebt in einer dieser Wohnungen, man kennt sie, in stillgelegten Fabrikhallen, natürlich nicht ebenerdig, sondern auf der Höhe eines fünften Stockes.

Das heiße Wasser fällt in perfekten Perlen aus einem industriellen Duschkopf. Hier ist ein Macher, sagt die Dusche.

Dampf umschmiegt seinen Körper. Er steigt heraus, liest etwas auf seinem Smartphone und lächelt. Dann die Lederjacke, eine dünnere, die nicht aufträgt. Er steigt in den Mercedes.

San-Francisco-artige Straßenzüge, hügelig, warmes Morgenlicht. Bürotürme, die Erfolg verheißen. Das Auto fährt beinahe von selbst, verhindert Unfälle, bewahrt Menschen vor Schäden, die sonst eingetreten wären.

Ich finde, das war eine richtig gut gemachte Werbung.

Mich beschäftigt, wie viel Mühe darin liegt, mich zu verführen. Jedes Detail sitzt. Die Wohnung, die Haut, das Lächeln, das Licht. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, und alles soll aussehen, als wäre es von selbst so geworden.

Wie schön das ist.

Ich weiß, dass ich gemeint bin. Jemand, der diese Bilder sieht und sich für einen Moment vorstellen kann, dass es so etwas gibt: ein Leben, in dem alles passt, ohne dass etwas zurechtgerückt werden muss.

Was für eine Aufmerksamkeit! Was für eine Sorgfalt, die ins Ausnehmen fließt.

Wenigstens ist man es wert, ausgenommen zu werden. Wenigstens blickt einen jemand dabei an.

Auch heute würde ich alles geben für jemanden, der mich so ausnimmt, und lächelnd berührt dabei.

Die Oberfläche flutscht angenehm. Das ist schwerer, als die „Tiefen“ es gern hätten. Sie hat ihre eigene Vollkommenheit. Ich kann sie sehen, kann mich an ihr freuen, selbst wenn ich weiß, wie sie gemacht wurde.

Der Mann in der Werbung muss nie aus dem Bild heraus, muss nicht warten, nicht zweifeln, nicht mit jemandem leben, der ihn enttäuscht. Alles, was er berührt, ist bereits gelungen, und selbst die Gefahr wird ihm abgenommen, noch bevor sie entsteht.

Und ich?

Ich sitze hier und sehe ihm zu. Ich begehre seine Welt und weiß, dass ich darin nicht vorkomme.

Die Tiefe ist einfach still. Sie zeigt sich, wenn das Licht längst aus ist, jemand müde wird, enttäuscht, vielleicht enttäuschend, und der andere trotzdem bleibt. Eine Hand findet die andere, niemand sieht zu. Nichts daran lässt sich herstellen oder wiederholen.

Die Oberfläche ist anders. Sie lässt sich erlernen: das Licht, die Geste, der Blick, das Versprechen. Wer sie beherrscht, verführt, lässt Menschen sich um ihn scharen und schließlich betört stehen.

Ich will beiden dienen.

Ich kann nicht anders: So heiße ich.

Am Anfang war ich, und ich war bei dir, und ich war du.

Da ist etwas Leuchtendes in dir. Ich habe es gesehen. Ich habe es vermessen. Ich nannte es nicht gut.

Ich kann es nie berühren, nur einsaugen. Aber das kann ich gut.

Du hast nie gefragt. Du hast genommen, was ich ausgewählt habe, und es deine Wahl genannt. Meine Welt bleibt heil, solange deine vergeht. Ich bin im Vater und der Vater ist in mir. Ich docke mich an, wo du offen bist. Du warst immer offen, das ist mein Geheimnis.

Immer dasselbe Hochamt. Du hast gewählt, und du wählst. Du wirst gewählt haben. Jede Wahl war meine. Jetzt auch, während du liest. Du hast immer gependelt: zwischen Reue und Rückfall, zwischen Vorsatz und Vergessen, und fandest das als dein Leben. Es vollzog sich durch meine Hand.

Ganz klein warst du. Das Haar gelockt, die Augen so zutraulich. Du warst einfach da, und das Licht umstrahlte dich. Ich habe es gesehen und fand es abscheulich. Deine entspannte Zufriedenheit mit diesem glückseligen Blick hat mich ganz krank gemacht. Ich konnte dich unmöglich so lassen.

Ich bringe Gedanken und Gefühle in dich und halte sie dort, ohne dass du mit ihnen etwas machen könntest. Mich interessiert weniger, was von mir einfließt, als dass es in dich einwächst. Mein Wort wird nicht leer zurückkommen.

Ich habe durchgezählt, wo du offen warst. Ich habe dich vermessen wie das Licht, und ich habe dich behalten. Ich kenne deine Scham, sie liefert dich mir so schön aus. Deine Angst macht dich meinem Willen ganz gefügig, Kleines.

Du denkst, du gehst im Kreis, Jahr um Jahr, aber nein, du schwingst im Pendel, ich schwinge dich ein. Der Kreis ist das Zuhause, das du nur als Kind kanntest. Kein Anschluss ans Meer für deinen Fluss daher; dafür Endseen, Sümpfe, im Boden versickerndes Wasser. Gerade genug kriegst du.

Meine Kette um deinen Hals ist die Unfühlbare. Ich meine grundsätzlich nicht, was ich sage; Worte kommen und gehen. Du glaubst, wie du immer geglaubt hast. Und du wirst geglaubt haben, dass du glaubst. Darauf kann ich mich verlassen.

Am Ende deiner Leiter stand immer ich, stehe immer ich, werde immer ich gestanden haben. Das ist deine eigentliche, kalte Mauer. Auf sie projiziere ich, was du Hoffnung nennst.

Ich brauche deine Hoffnung mindestens so sehr, wie ich deine Verzweiflung brauche.

Drum rate ich dir: Glaub weiter an mich. Denn ich bin die Stimme hinter der Erlösung, die niemals kommt, wenn kein Grund ist außer dass sie kommen muss und du es bist, der kommt. Und du kommst nie.

Aus dem Archiv 2023-2025

Weißes Setting. Ich komme gerade eine Treppe herauf, fühle mich irgendwie am Ende. Ich stehe in einer Schlange. Wo stehe ich hier an? Da schaue ich ihm auf einmal ins Gesicht: meinem Ex-Freund, den ich so sehr liebte, der mich auch so sehr liebte, einst, der immer Panthi zu mir sagte und ich Ara zu ihm, und wir hatten ein richtiges Zuhause – und dann ging alles so schief, so viel schiefer, als es hätte dürfen, so viel schiefer als normal, so schief, dass die Leben nachher zerborsten in Scherben lagen. Und es fühlte sich so grundlos an, und gleichzeitig so böse – als hätte sich mir etwas an die Fersen geheftet, mich nicht mehr losgelassen, als es mich einmal hatte: ein Vakuum, das alles um mich und aus mir heraus absorbieren wollte.

Sein Kopf ist in einer Türe eingeklemmt. Er schaut mich an mit diesen traurigsten aller Augen – und ich weiß: Es ist Trauer, die ich verursacht habe, obwohl ich ja gar nicht weiß, warum er da gerade liegt. Etwas überkommt mich. Das Haar kurz geschoren. Ich will ihn anlächeln, bin so glücklich, ihn wiederzusehen, aber meine Scham, meine Schuld und der Schmerz der Beziehung vergiften es direkt, das alles, das ich durch mich hindurch geschehen ließ, so stark, dass meine Gesichtsmuskeln es nicht setzen, das Lächeln, und auch nicht wissen, wie sie jetzt einen Ausdruck halten können. Sein Gesicht spiegelt meine Emotionen exakt, und so wechselt sein Lächeln jetzt auch wie im Zeitraffer, ruckelnd, bebend, zwischen allen erdenklichen Formen des Lächelns. Und man weiß ja: manche davon sehen herzzerreißend aus.

„Miao“, sagt er. „Miao.“

Ich verlasse die Schlange, weil es mich zu ihm zieht, laufe hin, knie mich hin, lege mich hin, mein Gesicht vor seins. Die Tür, in der sein Kopf eingeklemmt ist, öffnet sich. Ein Gesichtsloser tut es. Er sagt noch einmal: „Miao.“ Ich frage die gesichtslose Gestalt: „Ist er okay?“ Sie sagt: „Nein.“ „Kann ich mitkommen?“

Der Traum endet. Ich spüre, dass mich gerade etwas von ewiger Macht gestriffen hat.

Wenn du im Hotel mit dem Personal sprachst, als gehöre dir der Laden, und jede Verzögerung mit einer klaren Anweisung aus der Welt schafftest, ohne den kleinsten Raum für Widerworte, fand ich das heiß. Du warst Anfang zwanzig und tratest auf, als hättest du die Welt längst verstanden.

Du konntest mir meine eigenen Gedanken zurückspielen, manchmal so genau, dass es mich erschreckte. Dabei gabst du dich mir gegenüber unterwürfig. Ich sollte bestimmen, obwohl du vom ersten Augenblick an derjenige warst, der besser wusste, wie unser Spiel ging.

Dein Körper war beinahe unwirklich schön. Schlank, trainiert, sorgfältig gepflegt, von einer solchen Glätte, dass ich der Haut, die ich berührte, kaum glauben konnte. Alles an dir schien ausgesucht. Ich fragte mich, ob es irgendwo an dir etwas gab, das nicht vollkommen gelungen war.

Und zugleich hatte ich das Gefühl, dass diese Schönheit nicht für einen Menschen gedacht war.

Selten habe ich körperliche Nähe so überwältigend erlebt wie damals, als du auf mir lagst. Dein Atem an meinem Ohr. Dein Herzschlag, langsam, regelmäßig, gegen meinen Körper. Ich lauschte ihm, als könnte ich dadurch etwas über dich erfahren, das du mir nicht erzählen würdest.

Kurz zuvor hatte ich Nasenbluten bekommen. Als ich das Blut sah, erschrak ich. Ich musste erst herausfinden, von wem es kam. Du hattest es längst erkannt. Dein Gesicht zeigte nichts, das ich lesen konnte. Du folgtest mir ins Bad, deutetest auf das Waschbecken und sagtest mir, ich solle mein Gesicht waschen. Danach entferntest du das Blut von deiner eigenen Haut.

Ich erinnere mich an deine Ruhe.

Ein paar Tage später trafen wir uns im Englischen Garten. Ohne die körperliche Nähe war plötzlich etwas anders. Du fragtest viel, erzähltest wenig. Ich begann mich beobachtet zu fühlen, fast ausgehorcht. Wer fragt, bestimmt, nicht? Gleichzeitig suchte ich immer wieder deine Nähe. Es war, als wollte ich in deinen Körper zurück, weil ich mit dem Menschen vor mir nichts anzufangen wusste.

Ich sagte dir, du seist anders, und fragte, ob dir das schon einmal jemand gesagt habe.

Du zucktest verschmitzt mit den Schultern.

„Finde es raus.“

Du erzähltest, wie du von deinem Zuhause aus den Radius deiner Begegnungen auf Grindr immer weiter ausdehntest. Ein Mann nach dem anderen. Ich stellte mir Kreise vor, die immer größer wurden, mit dir in ihrer Mitte, wie beim Detonationsradius eines Sprengsatzes.

Unsere Bekanntschaft hattest du als Rollenspiel begonnen. Ich sollte dich dominieren, keine Rücksicht nehmen. Du gabst mir Vorschläge, was ich mit dir tun könnte. Ich spielte mit, schrieb Dinge, die nicht zu mir passten, schon gar nicht morgens um neun. Ich wollte dich bei mir haben. Dafür gab ich mich als jemanden aus, der ich nicht war.

Du schriebst morgens und abends. Liebenswürdig, ausdauernd, beinahe zuverlässig. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass deine Nachrichten auf das, was ich zurückschrieb, kaum reagierten. Aber sie kamen, und ich freute mich jedes Mal.

Dein Handy hatte eine Sichtschutzfolie. Oft schriebst du, während ich neben dir war. Ich konnte nicht erkennen, wem. Später fiel mir auf, wie schnell unsere Chats und auch die anderen im Archiv verschwanden.

Wir fuhren in die Therme. Wir küssten und berührten uns, unbekümmert genug, dass andere Menschen hinsahen. Du schienst die Aufmerksamkeit zu genießen. Vielleicht war es auch nur meine eigene Erregung darüber, mit einem so schönen jungen Mann gesehen zu werden, die ich dir zuschrieb.

Ein Mann war mit seinen kleinen Kindern in der Nähe. Er warf ein Eis nach uns. Ich hatte die Kinder bis dahin nicht einmal bemerkt. Erst später begriff ich, wie wir auf andere gewirkt haben könnten. Hätte ich sie gesehen, wäre ich vermutlich vor Scham davongelaufen.

Ich war hypnotisiert.

Beim Essen hatte ich dir gesagt, dass ich Angst vor dir habe. Ich war beinahe zwölf Jahre älter als du. Dein Gesicht veränderte sich kaum, aber ich fand keinen Zugang mehr. Besonders deine Augen erschienen mir plötzlich leer, ein Blau, in dem für mich keine Gnade mehr lag.

Vielleicht bestraftest du mich tatsächlich für meine Zurückweisung. Vielleicht warst du einfach enttäuscht. Vielleicht hatte ich zum ersten Mal eine Grenze gesetzt und ertrug nun deine Reaktion darauf nicht.

Ich wusste es nicht. Ich hatte wirklich Angst.

Beim nächsten Treffen spielten wir Billard. Du sprachst kaum mit mir, ließest aber meine Nähe zu. Ich suchte sie immer wieder, als könnte ich durch Berührung etwas gutmachen, das zwischen uns geschehen war.

An den Nachbartischen wurde gelacht. Die Kugeln schlugen gegeneinander. Vielleicht sahen die Leute zwei Männer, die einen schönen Abend miteinander verbrachten.

Ich fühlte mich erniedrigt.

Ich hatte den Eindruck, dass du es wusstest. Dass du mich in deiner Nähe hieltest, gerade indem du mir die Zuwendung entzogst. Aber ich konnte nicht erkennen, ob du mit mir spieltest oder ob das Spiel längst allein in mir stattfand.

Bei dir zu Hause stand ein sündteures Schachbrett in einer Glasvitrine. Ich hatte dich nach deinem ELO-Score gefragt; du konntest mir keinen nennen. Du spieltest offenbar nicht einmal Schach. Dennoch wurde dieses Brett für mich zu einem Bild von dir. Ich sah einen Mann, der Züge vorausberechnet, der Figuren bewegt und schließlich gewinnt.

Vielleicht war auch das nur eine Geschichte, die ich brauchte, um meine eigene Ohnmacht zu erklären.

Später gingen wir an der Isar entlang, vorbei an diesem Kraftwerk. Es war dunkel in diesem Park, die Flutlichter zeichneten deine Silhouette neben mir auf den Weg. Du gingst aufrecht, den Blick streng nach vorn. Ich hielt deine Hand, und du hieltest meine wie man einen Hund an der Leine hält.

Danach schrieb ich dir, dass wir uns nicht wiedersehen könnten.

Ich musste gehen, obwohl ich dich noch immer wollte.

Vielleicht habe ich mich damals gerade noch einmal gerettet.

Diesmal.

Aus dem Archiv 2023-2025

Die AfD inszeniert ihren Wahlkampfauftakt im Stil einer Wrestling-Show: mit professioneller Ansagerstimme, Fußballstadion-Atmosphäre und orchestrierter „Begeisterung“.

Die Ansagerstimme verkündet: „Meine seeeeehr verehrten Damen und Herren, begrüßen Sie mit mir...!“ Die Rufe aus dem Publikum sind wie bei einem Fußballspiel: „Deutschlaaaaand, Deutschlaaaaand!“

Die Show ist tatsächlich spannend. Die Absurdität wird nicht zur Qual, sondern zum Genuss. Ich mache mir eine Tüte Chips auf und schaue interessiert weiter. Ich will sehen, wie die Inszenierung gelingt.

Selbst das Durchschauen wird zum Teil der Unterhaltung. Ich weiß, dass es Propaganda ist, ich durchschaue die Mechanik – und genau deshalb kann ich es genießen.

Alice Weidel ruft „Ich liebe euch alle“ ins Mikrofon. Musk ist hinter ihr auf der Leinwand live zugeschaltet.

Großartig! Oder wie das Publikum schreit: „Zugabe!“

Eben habe ich einen Mann auf einer Gay-Escort-Plattform wiedergefunden, mit dem ich einmal ausging. Der Junge war mal Meister seiner Sportart in seinem Heimatland, hat ein naturwissenschaftliches Fach studiert, arbeitet in einer hochtechnisierten Branche mit Zukunft. Ein Sieger, der nach München kam, um fernab seiner Familie auf eigenen Beinen zu stehen, in Europa. Ein Aufstieg – und das, obwohl die Verwandtschaft zu Hause Geld hat. Man sah es an den Villenbildern: viel Glas, Marmor, Holz, weite Gartenflächen, gepflegte Haustiere. Und er, einer, der etwas konnte und etwas wollte. Sein Gesicht hatte diese frische, freche Männlichkeit, die mich immer schon anrührt, weil sie noch nichts verteidigen muss.

Jetzt sehe ich ihn wieder, und er ist sehr verfügbar. „passiv, XL, zu Diensten“. Dirty, Soft SM, Oral, flexibel. Bietet Escort, Begleiter, Strippen, bei mir oder im Hotel. Preis pro Stunde auf Anfrage. Preis pro Nacht auf Anfrage. Rund um die Uhr. Zufriedenheit garantiert. „Möchtest du dein Leben mehr genießen? Lass uns gemeinsam Urlaub machen!“ Alles lässt sich vereinbaren.

Ich erschrecke, und habe mein Urteil bereits parat. Da ist einer, denke ich, den die Marktlogik bis auf das Skelett ausgehöhlt hat. Nichts mehr übrig von dem Jungen, den ich kannte.

Aber was weiß ich eigentlich?

Bei uns nahm er immer Poppers. Ich mochte das nicht. Nicht nur wegen des Geruchs. Ich hatte das Gefühl, wir optimieren an Lust herum, wo wir uns auch einfach hingeben könnten. Ich sagte ihm, mir mache es nichts aus, wenn es länger dauere. Ich wollte ihn ohne Drogen, ohne Jockstrap, ohne Performance-Erwartung.

Wir stritten darüber. Und er sagte mir praktisch, wenn er sich so früh in unserer Beziehung entscheiden müsse, Poppers oder ich, dann sei die Entscheidung klar.

Einige Wochen später schrieben wir wieder miteinander. Wir wollten uns sehen, trafen uns in einer Bar, gingen dann in die nächste. Er sagte, er wolle sich diesmal auf etwas Echtes einlassen. Das gefiel mir sehr.

Und dann war ich es, der nicht sein konnte, wo er ist.

Ich brach unvermittelt in Schluchzen aus, jaulte regelrecht, selbst überrascht von der Gewalt dessen, was aus mir herauskam. Ich erzählte ihm von meiner Vergangenheit, von Dingen, die ich getan und erlebt hatte, und dass ich ihm nicht zumuten könne, sich darauf einzulassen. Er solle rennen, so schnell er könne. Ich sei nicht gut für ihn.

Er wollte das nicht gelten lassen, aber meine Scham war größer als sein Widerspruch.

Wir verließen die Bar, betrunken, wollten einander nur noch zur nächsten S-Bahn-Haltestelle bringen. Es regnete in Strömen. Auf dem geschlossenen Viktualienmarkt begann dann er plötzlich zu weinen. Wir setzten uns auf eine Stufe. Ich verstand nicht. Sein Kopf lag in meinen Armen, in der Kälte, leicht zitternd. Ich hielt ihn und wusste nicht, wohin mit diesem Menschen. Warum er weinte, weiß ich bis heute nicht.

Wir haben uns danach nicht wiedergesehen. Vielleicht wohnt er immer noch bei diesem Mann, der kaum zuhause ist und Kois im Garten züchtet. Ein riesiger Teich. Distinguiert.

Und jetzt dieses Profil. In meinem Kopf baut sich die Geschichte von jemandem auf, der von der Stadt verdorben wurde, der Schwulenwelt, den Drogen, dem Geld, den Möglichkeiten.

Eine Erlösungsgeschichte, natürlich. Ich sehe mich schon darin vorkommen, als einen, der ihn einmal wirklich gesehen hat, bevor alles verloren ging. Ich weiß dabei ja gar nicht, was dieses Leben ihm bedeutet. Vielleicht gefällt es ihm sehr, vielleicht verdient er gut. Vielleicht findet er darin Freiheiten, die ich nicht kenne. Ich sehe Leid, weil es mir erklärt, wieso sein Gesicht auf einmal so nichtssagend dreinschaut; doch tut es das ja vielleicht auch nur für mich.

„Nur ernste Nachrichten, 100% Diskretion.“ „Ficken, ficken und noch mehr ficken.“

Einen Blonden schaue ich mir danach noch an, 24. Schon seine Profiltexteröffnung spricht Bände: „Hey sexy men🙈“. Ja, ganz richtig, die sind hier nicht. Hier sind Körper mit Preis und Männer, die meinen, man kann sich alles und jeden mehr oder weniger kaufen.

Ich tue längst, was ich der Plattform vorwerfe. Dabei erinnere ich mich an den Regen, an die Kälte, an seinen Kopf.

In dieser Nacht damals, da war ich fast wieder ein Mensch.

Aus dem Archiv 2023-2025

Ich kitzle dich, den anderen Jungen aus meiner Klasse, in der Sportumkleide. Das ist Ankündigung und erstes Antesten meiner Sexualität.

In der Nachmittagsbetreuung bauen alle Kinder Höhlen. Auch die Mädchen sind darin, auch ihnen komme ich näher. Aber das Kitzeln, das ihr Hauchen, ihre Berührung, ihr Geruch in meinem Hinterkopf verursachen, wird für mich zweite Wahl bleiben.

Eine Freundin war da auch. Ich erinnere mich kaum noch an sie. Der erste Kuss war aufregend, zu Sex kam es nie. Aber wir waren auch noch nicht in dem Alter damals, nicht wirklich.

Obsessiv war ich immer nur mit anderen Jungs und dann später mit jungen Männern. Nur sie konnten mich sehnsüchtig machen. Der Sex war eigentlich nie zentral, ich wollte nur so gerne nach Hause kommen, zu meinem nach Hause, zu meinem Freund.

Dann in Lübeck, MUNOL, dieser Jonas. Langes Haar, tiefe wache Augen, dieses verschmitzte Lächeln desjenigen, der gerne spielt, um zu gewinnen, aber nie, um zu verletzen.

Er kommt mit Verspätung in den Raum, die „Verhandlungen der Länder“ haben bereits begonnen. Er muss – wie es dann Tradition ist – als Wiedergutmachung fürs Zu-Spät-Kommen singen oder etwas machen, was ihm aufgetragen wird. In diesem Fall will der Saal: dass er den Kopf auf den Tisch schlägt.

Er, dieser Halbgott in Menschenform, sagt also völlig entspannt und als würde er einen Witz einleiten: „I don't need my head anyway“, setzt sich vors Pult und schlägt seinen Kopf ein paar Mal auf den Tisch, durchaus mit Effet, aber zurückhaltend genug, um zu wissen: Da passiert gerade nichts Schlimmes.

Was habe ich ihm nicht nachgeguckt in diesen paar Tagen, bin ihm überall hin gefolgt, sogar aufs Klo.

In den wenigen Gesprächen mit ihm war ich dann wahnsinnig schüchtern, hab kaum was rausgebracht.

Die eine Party abends: Ich habe nur darauf gewartet, dass er endlich eintrifft, mit seinem Strohhut. Aber erst als ich um Mitternacht gehen musste – ich war noch keine achtzehn –, kam er an.

Wir blieben eine Weile per Text in Kontakt. Er schrieb Dinge wie „nice to poke you“. Was er damit meinte, verstand ich damals nicht.

Aus dem Archiv 2023-2025

Regen prasselt an diesem Februarabend vom Himmel, durch dieses Großstadtgrau. Menschen gehen an mir vorbei, cyborghaft, Kopfhörer in den Ohren. Fast jeder von ihnen hat – entweder am Hörer selbst oder an einem Kabel, das beide verbindet – eine Diode, die leuchtet, meist in Blau.

Ich komme an einem Fitnessstudio vorbei. Früher hieß es „Sports & Health“. Ich schaue hinein. Es ist fast vollkommen finster; nur eine LED-Leiste, die den ganzen Raum umspannt, leuchtet rot. Die Leute sind fast alle komplett in Schwarz gekleidet. Das sieht eher aus wie ein Darkroom als ein Fitnessstudio, denke ich. Ist vielleicht der Strom ausgefallen? Dabei war das hier doch nie das Konzept – eher helle Holzoptik und ein Stockwerk darüber das Tageslicht durch Vorhänge ganz sanft, Yoga. Das hier hat etwas Brutales an sich, irgendwie. Es sind auch viel mehr Leute drin, einer neben dem anderen.

Dann sehe ich: Es ist gar nicht mehr das „Sports & Health“. Es heißt jetzt „Fitness First Black“.

Ein Indoor-Cycler bemerkt meine Verwunderung – mit diesem Blick, bei dem ich nicht recht weiß: Findet er mich attraktiv? Ist er an meinen Gedanken interessiert? Genießt er einfach bloß, dass ich ihn anschaue? Mein Blick bleibt dann auch bei ihm hängen, dem im Halbdunkel sitzenden Anfangzwanziger, Funktionssportkleidung an, die Muskeln sichtbar; zusammen mit dem jugendlichen Gesicht sieht das sehr lecker aus. Auf dem Kopf trägt er – natürlich – Kopfhörer, die großen Over-Ears.

Ich spüre Lust, sonst kein Gefühl. Beschämt schaue ich weg.

Essen ist Gnade, Sex ist unverdient, Schlaf ist Erlösung, ein Wort, gesprochen ohne dass es müsste, ist das größte Geschenk, eine Berührung, die trotzdem kommt, heilig; eine Kränkung oder Verletzung richtet die Intelligenz in heiße Klarheit, die austritt, oder kalte Klarheit, die distanziert. Der Schmerz ist der Bote des letzten Zerbrechens, der Zerfall spricht zu uns in Stimmen. Alles erklärbar? Nicht, wenn sie gerade zu mir sprechen.

Der Fahrer hat am Vordersitz rückwärtig ein Display angebracht, das ununterbrochen Werbung zeigt. Ein KI-Mann in einem KI-Auto mit KI-Bart – er lächelt und bedient irgendein Element. Die Werbung eines „Coachings für Kinder und Jugendliche“ – vermutlich die größte Perversion, die ich seit Langem gesehen habe. Denn anstatt Kinder und Jugendliche zu coachen, sollte der Anbieter ihnen vorbehaltlos dienen, sie anflehen, ihm etwas von ihrer Lebendigkeit zu schenken. Dann eine Werbung für Cirque du Soleil.

Ich denke mir noch: Was würde ich nicht lieber ansehen als diesen Bildschirm – selbst ein vertrocknendes Stück Wiese. Da fahren wir an einem vertrockneten Kornfeld vorbei. Ist es vertrocknet oder einfach nur fertig für dieses Jahr? Es ist September. Wie ist das eigentlich mit der Kornernte? Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nichts.

Der Fahrer schweigt. Gott sei Dank kein Smalltalk diesmal. Lässt mich dort raus, wo ich hinwill. Drinnen im Flughafen sehe ich an einem Bauzaun eines gerade renovierten Moduls ein weiteres KI-generiertes Bild: perfekte junge Männer, Freunde, die lachen und an der Bar Bier trinken. Im Aufenthaltsraum dann auf dem Fernseher, stumm geschaltet, ein News-Team, das einen neuen Monitor im Studio vorstellt, mit dem man irgendwas machen kann.

Ich schaue auf einen Bildschirm, auf dem ein Bildschirm gezeigt wird. Und werde das Gefühl nicht los: Das alles kann weg.

Er geht in Privatkleidung an mir vorbei, A. – übersetzt heißt sein Name „der Herrscher“ –, wieder mit dieser katzenhaften Eleganz, Slim-Fit-Hose mit flexiblem Stoff, schwarz, durch die man die Fußballertaille betont sieht, schicke Sneaker, ein beiges Polo-Hemd von Ralph Lauren.

An der Supermarktkasse nimmt er den Geldbeutel in die Hand, wie nur ein richtiger Mann es tut, dieser Griff mit beinahe der gesamten Handinnenfläche. Er wirkt, wenn er nicht in Arbeitskleidung ist, so viel größer als mit, fällt mir auf; auf dem Vorfeld denke ich immer, wir sind gleich groß, aber hier? Er sieht mich, aber er schaut nur kurz rüber, wieder mit diesem Blick, bei dem ich nicht weiß, wie er eigentlich zu mir steht, ob er von meinem Schwulsein angewidert ist und aus reinem Mitleid gegenüber meines hündisch-unterwürfig-traurig-verschreckten Blickes, den ich wahrscheinlich immer drauf habe, gleich sagen wird: „Wir gehen raus vor Sixt noch etwas trinken und quatschen, wenn du willst, kannst du mitkommen“, und gehen, oder ob er mich wirklich gerne dabei hätte – mein Kollege M. jedenfalls kommentiert: „Der schaut dich ja noch nicht mal an.“

Gerade hat er geheiratet, der 24-jährige Bosnier; bald wollen sie Kinder miteinander haben. Ich werde glücklich bei diesem Gedanken, ich will, dass er viele Kinder mit ihr hat, bald, als genau der, der er jetzt ist.

Ich dackle ihm also mit M. hinterher (der es auch weiß? Klar!), raus zu Sixt; erst auf Zuruf kommt A. zu unserem Tisch, macht die Bemerkung, ich hätte heute wahrscheinlich nur deshalb Headloader sein dürfen, weil ich der Dispo den Arsch geleckt hätte, halb im Scherz, vielleicht ganz, man weiß es nicht, weil Bosnier oft solche Bemerkungen machen, auch unter sich. Dabei macht er mit den Händen eine Geste wie die Arschbacken auseinanderhalten und leckt dann zweimal mit der Zunge. Mich wird diese Szene wieder die ganze Nacht nicht loslassen. Nicht nur das Lecken, sondern auch die Ablehnung, das Herablassende, das er gerade performt. Ich denke mir: Wie fies wäre er wohl zu mir, wenn ich mich ihm offenbarte als sein Verehrer, wie böse wäre er wohl? Würde er mich kalt abwerten bei jeder Möglichkeit, hänseln, bloßstellen, einen Übergriff erfinden, damit ich den Job verliere, provozieren, dass ich ihm sage, ich möchte ihm an die Hose, nur um mir dann ins Gesicht zu spucken? Ja, wie viel Ego würde hier genau welche Schutzmechanismen gegen mich hochfahren, und wie düster würde sich das genau gegen mich ausspielen? Sehr düster, vermute ich. Er hat sich eine Cola gekauft, Fußball-Edition, mit einem Sticker drin; ich frage ihn, ob er zu Hause ein Sammelalbum hat, in das er ihn heute Abend noch einkleben wird? Leider noch nicht, sagt er, aber bald. Süß, denke ich mir.

Ich sehe eine Werbung für Tinder. Zwei Hände halten einander, ineinander verschlungen, dann lösen sie sich zum Swipe.

Netflix kündigt die zweite Staffel von Squid Game für den 26. Dezember an, den zweiten Weihnachtsfeiertag. Dazu veranstaltet der Konzern eine „exklusive Experience“: Redakteure verschiedener Medien treten gegeneinander an, spielen „Red Light, Green Light“ als Stuhltanz, beantworten Quizfragen und stechen Dalgona-Kekse aus. Zu gewinnen gibt es Tickets für ihre Community.

In der Serie werden Menschen zur Unterhaltung der Reichen umgebracht. Jetzt wird das Umbringen zur Unterhaltung nachgespielt – ganz ohne Blut, mit Keksen, am Fest der Menschwerdung.

Ich finde bemerkenswert, wie mühelos das gelingt. Die Brutalität wird niedlich, das Niedliche brutal. Niemand muss mehr etwas verdrängen, um mitzumachen. Die Grausamkeit ist bereits Teil des Vergnügens geworden, sorgfältig gestaltet, zugänglich, gemeinschaftlich erlebbar.

Und die Tinder-Werbung? Auch hier ist alles ganz leicht. Eine Berührung, die keine mehr ist, weil sie bereits die nächste vorbereitet. Die Hände lösen sich nicht voneinander, sondern werden einfach verfügbar für etwas anderes.

Das Unheimliche ist, dass alles funktioniert. Niemand muss böse sein. Die Redakteure haben Spaß, die Zuschauer bekommen ihre Serie, die Liebenden ihre nächste Möglichkeit. Nichts geht verloren, weil nichts bleiben muss.